Veränderte Klavier-Luft
Tomas Bächli spielte Edu Haubensakazn. Kaum ein Instrument ist mehr mit der westlichen Kultur und ihrer Geschichte verbunden als das Klavier: Es ist ein Klang-Werkzeug, das in der einst als Kompromiss berechneten gleichschwebend temperierten Stimmung stabile Tonhöhen hervorbringt. Plötzlich kommt ein Komponist und beginnt, daran etwas Zentrales zu verändern, nämlich ausgerechnet die in den vergangenen fast drei Jahrhunderten so fest zementierte Stimmung. Seit anderthalb Jahrzehnten experimentiert Edu Haubensak mit veränderten Stimmungen. Vier grössere Werke - zwischen 1993 und 2002 entstanden - wurden vom Pianisten Tomas Bächli im Radiostudio Zürich vorgestellt.
Das Bild auf der Bühne ist prächtig: Vier Konzertflügel stehen aufgereiht, jeder ist anders gestimmt. In einer schönen Dramaturgie wechselt der Pianist im Verlauf des Abends von einem Instrument zum nächsten. Nicht nur die Stimmung, auch Ort und Raum des Klangs variieren. - «Veränderte Luft»: Die achtundachtzig Tonhöhen des Klaviers sind sämtlich gegenüber der temperierten Stimmung leicht bis erheblich umgestimmt worden; in einem Prolog und einem Epilog erklingen sie alle. Harmonische Felder («Kugeln» nennt sie der Komponist) werden geformt; die Zuhörenden haben Zeit, sich in Haubensaks Klangwelt einzuhören. Dann werden im längeren Mittelteil die Differenzen zwischen den ideal in uns gespeicherten reinen Intervallen Oktave und Quint und den Verrückungen erforscht, welche die neue Stimmung bietet. Noch nie gehörte Intervalle bzw. Farben werden erkundet, und sie multiplizieren sich gleichsam.
«Spazio»: Jede einzelne Saite, auch innerhalb der Saitenchöre, ist verschieden gestimmt, womit das Klavier zum Rauschgenerator wird. Eine skulpturale Musik entsteht, eine Art riesiges Mobile. - «Gefärbte Variationen»: Der gelassene Spaziergang durch einen Garten in ungewohnter Landschaft, bei welchem achtsam jedes Detail seine Beachtung findet. Oder «Halo»: Jede Taste bringt einen für das Stück charakteristischen (Drei-)Klang hervor. Eine Musik des Fliessens und Schwebens - von Tomas Bächli so fabelhaft beseelt gespielt, dass man sich auf die Compact Disc, die in den nächsten Tagen von diesen Stücken aufgenommen werden soll, freuen darf.
Zürich, Radiostudio, 1. Februar.
(Neue Zürcher Zeitung, 03.02.2004)