Komponieren im Niemandsland
Zum 100. Geburtstag des Komponisten Philip Herschkowitz„Der komponiert immer so verrückt - das kann ein Genie werden“, pflegte Alban Berg über seinen begabtesten Schüler zu sagen. Ein halbes Jahrhundert später schrieb Philip Herschkowitz in einem Brief an Heinrich Böll: „Ich darf unbescheiden sein. Meine Unbescheidenheit ist das einzige, was ich in meinem Leben verdient habe. Und zwar redlich verdient.“ Sein erstes Konzert hörte Herschkowitz im Alter von zwölf Jahren in seiner Gerburtstadt, dem rumänischen Jasi. Es war Beethovens Fünfte Sinfonie; am nächsten Tag in der Schule war es ihm, als hörte er die Töne immer noch. „Ich war Empfänger; ein ruhiger und überraschter Zuhörer. Wie Jeanne d’Arc.“ Er wurde Musiker und studierte in Wien Kompositition: ab 1928 bei Alban Berg und, ab 1935, bei Anton Webern. Von den Werken aus der Vorkriegskzeit sind allerdings lediglich eine Fuge für Kammerorchester (1930) erhalten, sowie die Heine-Vertonung „Wie des Mondes Abbild zittert“ (1932) für Sopran und Klavier, eine kühne Studie über Umfang und Dichte des Klangraums. Nach dem Anschluss Österreichs floh der Jude Herschkowitz zuerst nach Bukarest, ein Jahr später ins sowjetische Czernowitz und schliesslich bis nach Taschkent in Zentralasien. Fast ein halbes Jahrhundert verbrachte Herschkowitz in der Sowjetunion, ohne dort eine Heimat zu finden.
Sein kurzes Klavierstück „Vesennie cvety“ (Frühlingsblumen, 1947) besteht aus regelmässigen Achtelbewegungen, kurze Motive aus wenigen Intervallen, die ein dichtes Nezt von verschlungenen Imitationen bilden. Obschon eine Tonalität fehlt, dreht sich das ganze Stück um den zentralen Ton h. Herschkowitz’s Musik findet einen eigenen Tonfall. Alle gediegenen Gemeinplätze sind ihr fremd. Man merkt dieser Musik an, dass sie, im Gegensatz zur westlichen Nachkriegs-Avantgarde, nicht aus einer kulturelle Nische stammt. Herschkowitz’ einsame Auseinandersetzung mit der klassisch-romantischen Tradition und der neuen Wiener Schule fand in einem Niemandsland statt. Die sowjetische Kulturbürokratie reagierte, indem sie ihn schon 1949 aus dem Komponistenverband ausschloss. Ende der 1950erjahre beginnt Herschkowitz, Privatvorlesungen zu halten, die zur Grundlage seines theoretischen Werkes werden. Seine Ausführungen finden bei jüngeren Musikern Resonanz und verhelfen ihm, etwa an der Universität von Tartu, zu seltenen Vorlesungen und einer klandestinen Bekanntheit als Vertreter der neuen Wiener Schule. Obwohl er keinen eigentlichen Kompositionsunterricht gab, hatte er eine enorme Ausstrahlung; er öffnete ein Fenster zur Moderne, was viele Musiker und Philosophen als Horizonterweiterung empfanden. Alfred Schnittke zum Beispiel erinnert sich an Herschkowitz’ Kompromisslosigkeit: „Im Gespräch provozierte er uns oft mit ätzenden Angriffen. Ich habe mehrmals einen Peitschenschlag von ihm erhalten, der mich gezwungen hat, nicht zu lange auf einem technischen Verfahren sitzen zu bleiben.“
Seine Lebensumstände wurden ihm aufgezwungen, und die Gegenkräfte, die er entwickelte, waren immens. Herschkowitz’ Nonkonformismus, mit dem er die Zwänge des Sowjetsystems ignorierte, war legendär. An den amerikanischen Komponisten George Perle schreibt er noch im Jahr 1985, in einem inzwischen leicht verrutschten Emigrantendeutsch: „Ich habe keine Freunde und keine Feinde. Dies bezieht sich in allererster Reihe, selbstverständlich, auf die Musik. Ich lebe in grosser Abgesondertheit. Ich will niemanden daran beschuldigen, mich – ebenfalls nicht.“ Es war sein grösster Wunsch, nach Wien zurückzukehren. „Ich muss heimkehren. Ich brauche eine Reprise. Ohne sie verliert mein Leben seinen Sinn.“ Dieser Wunsch ging erst 1987 in Erfüllung. Damals war Herschkowitz 81 Jahre alt; zwei Jahre später starb er in Wien.
Die meisten seiner erhaltenen Kompositionen stammen aus der Zeit nach 1960. Herschkowitz vertont Gedichte von Rilke und vor allem Celan – „Das Brandmal“ hat er in mehreren, völlig unterschiedlichen Versionen komponiert. Neben der traditionellen Form des Lieds mit Klavierbegleitung schreibt Herschkowitz immer häufiger Lieder für Stimme und Kammerorchester in wechselnden, oft ausgefallenen Besetzungen. Die Apollinaire-Vertonung „Automne“ etwa erfordert neben einer traditionellen Holz- und Blechbläserbesetzung als einzige Streicher zwölf Violinen. Die meisten dieser Orchesterlieder sind bis heute nicht uraufgeführt. Kein einziges seiner Werke ist publiziert, und Aufnahmen gibt es kaum.
Seine Aufsätze sind von seiner Witwe Lena in den 1990erjahren in Moskau veröffentlicht worden, die meisten in russischer Sprache. Ein Band mit Aufsätzen und Briefen, die Herschkowitz auf deutsch geschrieben hat, wurde 1997 von Lena Herschkowitz und dem Komponisten Klaus Linder im Selbstverlag herausgegeben. Herschkowitz formuliert anschaulich, verbindlich und gänzlich unakademisch. Beim Lesen seiner Schriften (darunter der Aufsatz „Die tonalen Quellen des Schönbergschen Zwölftonsystems“ oder Analysen sämtlicher Beethoven-Sonaten) spürt man sein Anliegen, sein Wissen auch unter erschwerten Umständen mitzuteilen. Die Musikgeschichte des 20.Jahrhunderts ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Gerade das Schicksal von Herschkowitz’ Werk zeigt, dass unsere Wahrnehmung, trotz aller Betriebsamkeit des gegenwärtigen Musiklebens, ihre blinden Flecken hat. Es gibt noch etwas zu entdecken.
Tomas Bächli
(in gekürzter Fassung am 31.8.2006 in der Süddeutschen Zeitung erschienen)