Mit zuckersüssem Lächeln
Zum 10. Todestag von LiberaceEs gibt Musiker, die sich noch lange nach ihrem Tod einer allgemeinen Wertschätzung erfreuen. Jährt sich bei ihnen ein runder Geburts- oder Todestag, so ist das Anlass für zahllose Gedenkkonzerte, Symposien und Publikationen aller Art: Da melden sich die lebenden Kollegen und versichern der Allgemeinheit, was sie dem Verstorbenen alles verdanken und wie ihr eigenes Werk ohne seinen prägenden Einfluss schlicht undenkbar wäre.
Es gibt aber auch Musiker, die ungeachtet ihres ausserordentlichen Erfolgs in den tonangebenden Kreisen weit weniger geschätzt werden. Ihr Einfluss auf die folgenden Generationen lässt sich zwar nicht leugnen, im Gegensatz zum oben geschilderten Fall ist dies für die Beeinflussten jedoch eher peinlich. Die Jubiläumsjahre dieser Sorte von Musikern werden deshalb in der Regel mit eisigem Schweigen übergangen.
Vor zehn Jahren, im Februar 1987, verstarb im Alter von 68 Jahren der amerikanische Pianist und Entertainer Liberace, auf seine Art durchaus ein Genie. Seine Pianistik hielt sich zwar in bescheidenem Rahmen, erfüllte aber ihren Zweck durchaus: Um den Virtuosen zu markieren, reichte ihm ein gelegentliches Arpeggio über die ganze Klaviatur. “Zuviel des Guten ist wunderbar”, diesen Ausspruch von Mae West erklärte Liberace zu seinem obersten Prinzip, auch im musikalischen Bereich. Ein bombastisches Ritardando mit gleichzeitigem Crescendieren war sein liebstes und häufigstes Ausdrucksmittel.
Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen sah er die Zukunft des Pianistenberufs nicht darin, immer ausgefallenere pianistische Schwierigkeiten zu überwinden, er konzentrierte sich vielmehr auf die brachliegende visuelle Dimension des Musikergewerbes. Auf diesem Gebiet war er ein radikaler, kompromissloser Innovator. Die perlenbesetzten Capes, der exzentrische Schmuck, teuerste Pelzmäntel und effektvolle Bühnenbilder wurden zu seinem Markenzeichen, seine Klaviere - Gegenstand seiner ungehemmten Sammelwut - liess er mit Edelsteinen und Spiegeln beschlagen, und er liess es sich nicht nehmen, im Rolls Royce auf der Bühne vorzufahren. Am Steuer sass sein um vierzig Jahre jüngerer Lover, der sich auf Wunsch Liberaces einer Gesichtsoperation unterzogen hatte, die ihn zu einem verjüngten Ebenbild des Maestros werden liess.
Liberace war ein Verpackungskünstler: Sein Vermächtnis sind nicht die belanglosen Schnulzen des amerikanischen Mainstream der Fünfziger, sondern die theatralische Exzentrik seiner Kostüme und Kommentare. Damit erntete er natürlich Hohn und Spott bei der neidischen Konkurrenz, andererseits war ein solches Gebaren wie geschaffen für das neu erblühte Medium Fernsehen. Wie kein anderer wusste er dieses Medium zu nutzen, dessen Möglichkeiten er vielleicht für alle Zeiten ausgeschöpft hat - zumindest finanziell: Er verdiente in den Fünfzigerjahren die hübsche Summe von wöchentlich 50’000 Dollar.
Mit grosser Kunst hat dies alles wenig zu tun, und nicht einmal Liberace selbst hätte wohl diesen Anspruch erhoben. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass nur wirklich bedeutende Kunst ihre provozierende Kraft über die Zeiten hinweg beibehält, dann gerät die Wirkung einer Liberace-Show unversehens in die Nähe eines echten Kunsterlebnisses. Nehmen wir zum Beispiel den berühmtesten Spruch von Liberace: Er spreizt seine Finger und zeigt dem Publikum seine protzigen, unglaublich teuren Ringe. “Do you like them?”, fragt er freundlich in die Menge. Die Frage wird kreischend bejaht. Liberace ermuntert seine Fans, die Ringe genau zu betrachten, denn, so sagt er mit schamlos unschuldigem Lächeln: “Machen wir uns nichts vor - ihr habt sie schliesslich bezahlt.” Diese Anekdote war mir vom Hörensagen seit längerer Zeit bekannt. Als ich diese Szene jedoch im Liberace Museum in Las Vegas zum ersten Mal auf einem Videoband zu sehen bekam, samt dem süsslichen Grinsen des Entertainers, durchfuhr meinen Körper ein Schauder. In meinem Gehirn setzte für Momente etwas aus: Halb angewidert, halb fasziniert, starrte ich auf den seifigen Zyniker. Weder die Sex Pistols noch die Tabubrecher der Underground-Performance-Szene haben mich je so schockiert wie dieserShowman, der nichts anderes wollte, als das biederste Publikum des amerikanischen Mittelstands unterhalten. Genau diesem Publikum (vorwiegend nicht mehr ganz junge weisse Hausfrauen aus den Suburbs) gratulierte er nach einer Nummer mit plätscherndem Springbrunnen im Hintergrund dazu, dass keine von ihnen dem Imitationstrieb nachgegeben habe und alle Hosen trocken geblieben seien.
Dieses Publikum war erstaunlicherweise bereit, das Offensichtlichste zu ignorieren: Dass nämlich dieser Mann, der alle schwulen Klischees bediente, tatsächlich schwul war. Liberace bestritt dies zeitlebens, notfalls vor Gericht. Nachdem ein britischer Journalist die sexuelle Präferenz des Stars mit den Worten “fruit flavored” zart andeutete, liess Liberace eine Prozesslawine losdonnern. Vom Gericht erhielt er schliesslich die amtliche Bestätigung, heterosexuell zu sein - in seiner Autobiographie protzt er mit unzähligen erlogenen Affären mit Damen des Rotlichtmilieus. Diese groteske Lebenslüge hatte auch etwas Tragisches: Am Ende seines Lebens versuchte Liberace sogar, seine AIDS-Erkrankung zu vertuschen. Im Liberace-Museum fehlt jeder Hinweis darauf.
Liberace hat dem amerikanischen Entertainment seinen Stempel aufgedrückt: Die Generation der baby boomer ist mit seinen TV-Shows gross geworden, und Branchenkenner sind von seinem prägenden Einfluss auf den jungen Elvis überzeugt. Der Geist Liberaces wird nun auch in der sogenannten E-Musik beschworen, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. Angesichts leerer Konzertsäle und Kassen mehren sich die Stimmen - nicht nur diejenigen altgedienter Tenöre - die eine bessere visuelle Präsentation des musikalisch Gebotenen wünschen. So machte eine amerikanische Zeitung kürzlich den Vorschlag, bei Sinfoniekonzerten das Gefuchtel des Dirigenten live auf Grossleinwand zu projizieren. Solche Vorschläge offenbaren allerdings nur die Hilflosigkeit der Classical Music in einer showsüchtigen Welt. Für die Tasten- und Saitenvirtuosen jedenfalls, die der Publicity willen ihre Haare grün färben oder tatsächlich in der Lederjacke aufs Konzertpodium marschieren, hätte Mr. Showmanship doch wohl nur ein müdes, wenn auch zuckersüsses Lächeln übrig.
Tomas Bächli