Zum siebzigsten Geburtstag von Gerd Zacher
Gerd Zacher habe ich kennengelernt, als ich noch ein Kind war. Er war damals noch keine vierzig, also jünger als ich es jetzt bin. Ich war nie sein Schüler und habe doch viel von ihm gelernt. Dies geschah beim Essen, auf Spaziergängen, beim Teetrinken, eigentlich immer wenn ich ihn traf. Dabei sei das wichtigste nicht vergessen: Die vielen Konzerte, die ich von ihm hörte. Die Musik von Cage, Kagel und Ligeti, von Satie und Ives, aber auch von Josquin de Pres und Frescobaldi habe ich als Kind in der Kirche Wellingsbüttel kennengelernt. Das Bildnis eines grimmig dreinschauenden Luther, der uns beim Zuhören beobachtete, ist mir noch in Erinnerung.Gerd Zacher hat die Musik nicht nur exemplarisch gespielt, er hat sie auch immer wieder erklärt. Auch das habe ich von ihm gelernt: dass es in der Musik viele Dinge gibt, die sich erklären lassen - und dass wir Musiker dazu verpflichtet sind, dies auch zu tun. Wer dem Publikum etwas vorenthält, betreibt Mystifizierung. Gerd Zachers Ausführungen sind immer konkret und in direktestem Kontakt zu den hörbaren Klangereignissen. Es fehlt jener Ölfilm, der sich gerne zwischen die Begriffe und die Musik schiebt, der das Reden über Musik so behäbig und beliebig macht. Sind aber die Termini einmal geklärt, setzt bei ihm ein wahrhaft akrobatischer Denkvorgang ein: virtuose Gedankensprünge, die man zunächst für pure Spekulation hält, um dann verblüfft festzustellen, dass eine schlüssige Logik dahintersteckt. So habe ich etwa von Gerd Zacher erfahren, dass der Anfang der deutschen Nationalhymne eine Spiegelung von Martin Luthers Weihnachtslied „Vom Himmer hoch“ ist.
Für die gesamte Orgelliteratur ist Gerd Zacher ein grosser Interpret - eine Bezeichnung, die er nicht mag. Den ausübenden Musiker sieht er eher als Dolmetscher. Das ist eine Absage an die hohepriesterliche Attitüde vieler Kollegen, keineswegs aber ein Ausdruck überzogener Bescheidenheit. Schlechte Übersetzungen können bekanntlich enormen Schaden anrichten.
Vielen von uns ist erst in letzter Zeit bewusst geworden, dass es von Gerd Zacher eine erstaunliche Anzahl von Kompositionen gibt. „L’heure qu’il est“ zum Beispiel, für zwei Klaviere im Vierteton-Abstand, ist ein originelles, brillantes Stück. Der Komponist nutzt seine phänomenale Kenntnis der Musikgeschichte - mit der Konsequenz, dass alle Gemeinplätze, besonders aber jene der zeitgenössischen Musik, strikte vermieden werden. Lange Pausen und Fermaten verdichten die Erwartungen des Hörers; was darauf folgt, ist völlig unerwartet. Allen Leuten, die wieder einmal das Ende der neuen Musik prophezeien, da alles Vorstellbare bereits komponiert worden sei, möchte man dieses Stück empfehlen.
Gerd Zacher hat mir einmal erklärt, was er unter einer Generation versteht. Nämlich nicht eine Gruppe von Personen, die ungefähr im selben Alter stehen, sondern alle Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt am Leben sind. Dieser grosszügige Gedanke ist erstaunlich für einen Musiker, dem zeitlebens das Etikett des Avantgardisten angehängt wurde. Folgt man diesem Gedanken, ergibt sich eine weitere Konsequenz: Zacher betrachtet die Zeit (bei allen Relativierungen und Differenzierungen) als eine dem Menschen verbindliche Grösse. Wenn das für die Zeit gilt, so trifft es (mit denselben Einschränkungen) auch auf die Musik zu.
Tomas Bächli