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Zum Tod von Herbert Brün (1918-2000)

Herbert Brüns Musik war mir seit längerer Zeit ein Begriff, nicht zuletzt durch seine zahlreichen Kompositionsschüler, mit denen ich in New York zusammen gearbeitet habe. Persönlich kennengelernt habe ich ihn erst wenige Wochen vor seinem Tod im Rahmen des ihm gewidmeten Three-Two-Festivals in New York. Der 82-jährige war äusserst gebrechlich, er sass in einem Rollstuhl mit einem Sauerstoffgerät, und jede physische Anstrengung war ein Problem. Alles was ihm noch blieb, war sein Verstand, die Unnachgiebigkeit seines Denkens und eine unbändige Lust zu provozieren. Das Boogie-Woogie-Zitat in seinem Klavierstück hätte ich falsch akzentuiert, bellte er mich (nicht unfreundlich) an und sang mir die richtige Version vor. Er sei zwanzig Jahre lang als Jazz-Pianist in Bars aufgetreten. „Ich weiss, wovon ich rede.“ Später entspann sich eine längere Debatte unter den amerikanischen Musikern über die Differenzen von Boogie und Swing. „Wahrscheinlich hat er recht“, bemerkte am Schluss leicht resigniert der Saxophonist Taimur Sullivan.

Ob er Herbert Brün seit Geburt an kennt, daran kann sich der Violinist Walter Levin nicht genau erinnern. Fest steht, dass er als Vierjähriger in einer Kindersinfonie, die der wenige Jahre ältere Herbert Brün komponiert hatte, als Trommler aufgetreten ist. Beide Musiker sind in Berlin geboren. Brün verliess Deutschland 1936, ging nach Palästina (dem heutigen Israel); seine Eltern wurden von den Nazis ermordet. In Palästina studierte er u.a. bei Stefan Wolpe Komposition. Nach dem Krieg kehrte er für einige Jahre nach Europa zurück. 1963 wurde er von Lejaren Hiller für ein Forschungsprojekt an der University of Illinois in Urbana, eingeladen, wo er anschliessend Professor für Musik wurde und den Rest seines Lebens verbrachte. Walter Levin, der ebenfalls nach Palästina gegangen war und ebenfalls an einer Universität im Mittleren Westen lehrte, beschreibt Brün als einen scharfsinnigen Denker mit einer Liebe zum Paradox. Nichts war ihm suspekter als das, was andere Leute für selbstverständlich hielten.

Brüns politische Haltung war gegen den Status quo gerichtet und in diesem Sinn utopisch. Tagespolitik hatte ihn dabei nie sonderlich interessiert. Brün hat selten „politisch“ komponiert. Nicht ein politisches Ereignis, sondern ein Ausspruch, den er seit seiner Kindheit gehasst hat, steht denn auch im Zentrum eines der wenigen Werke, in denen Brün mit aussermusikalischen Assoziationen arbeitet. Die elektronische Komposition „i toLD You so!“ (1981) - ich hab’s dir schon immer gesagt - verwendet nicht die Worte, sondern ausschliesslich den Tonfall dieses Schlachtrufs aller Besserwisser, der in verschiedenen Lagen und Tempi wie ein Fugenthema ständig wiederholt wird. Die Wiederholung jedoch - und hier hinkt der Vergleich mit der Fuge - hat dabei nicht die Wirkung von Affirmation und Abrundung. Den Hörer befällt vielmehr ein Gefühl des Grauens und der Auflehnung gegen die penetrante Wiederkehr des Immergleichen. Brüns Kommentar zu diesem Stück: „Like many other deadly stupid phrases this one also seemed too tough to be silenced. So I buried it alive.“ (Wie viele andere tödlich dumme Phrasen schien auch diese zu zäh, als dass man sie hätte zum Schweigen bringen können. So habe ich sie lebendig begraben.)
Welche Utopie schwebte ihm dann vor? Levin vermutet eine ihrer Wurzeln in den ersten Anfängen der Kibbuzim-Bewegung in Palästina, räumt aber sofort ein, dass Brün dem wahrscheinlich energisch widersprechen würde. Hat er versucht, diese Utopie an der Universität ein Stück weit zu verwirklichen? Urbana war während Jahren eines der wichtigsten Zentren für experimentelle Musik in den USA. Neben Brün unterrichteten Komponisten wie Kenneth Gaburo und Salvatore Martirano. Brün lehnte jeden Persönlichkeitskult ab, so war er beispielsweise strikte gegen Konzerte, die ausschliesslich seiner Musik gewidmet waren. Er gründete mit seinen Studenten das „Performer Workshop Ensemble“, eine Gruppe von Komponisten/Interpreten, die gemeinsam ihre Musik, Texte und Sketches aufführten. Dieses Ensemble spielte in Schulen, Universitäten, Kongresssälen, Gewerkschaftsräumen und bei Protestaktionen. Es war aber durchaus auch möglich, ausserhalb dieser Gruppe bei Brün Komposition zu studieren, betont Keith Moore, einer seiner letzten Schüler. Brün habe ihn dazu ermutigt, seinen Weg abseits irgendwelcher Gruppierungen zu suchen.

Brüns Kompositionen sind zwischen 1945 und 2000 entstanden. In den frühesten hört man noch den Einfluss eines, allerdings sehr ungebärdigen, Neoklassizismus. Dennoch gibt es erstaunliche Konstanten in seinem Werk: Einen rhythmischen Drive (Levin vermutet, dass hier seine Jahre als Jazz-Pianist eine wichtige Rolle spielten), der selbst dort noch spürbar ist, wo ein Metrum fehlt sowie das tiefe Misstrauen gegen vorgegebene Musiksprachen und eingeschliffene Kommunikation. Daraus folgt der Verzicht auf alle Verschönerung und Schnörkelei. In Brüns Musik fehlt nicht nur der Schönklang traditionellen Zuschnitts, sondern auch viele Platitüden der Nachkriegs-Avantgarde. Nirgends wird dies deutlicher als in seiner elektronischen Musik, die oft mit Klängen von extremer Hässlichkeit operiert. Brün verwendet ein Computerprogramm mit dem Namen „SAWDUST“, nach seinen eigenen Worten „das simpelste Computerprogramm - aber es funktioniert“. Die elektronischen Klänge sind als solche erkennbar und nicht hinter einer Illusion oder der Imitation anderer Klänge versteckt. Im weiteren legen diese rohen Töne das offen, worum es Brün bei seinen Kompositionen ging: den Ablauf des Stücks und den Gedanken in der Musik. (Dass wir bei zunehmender Überfütterung mit gefälligen Sounds irgendwann anfangen, diese Klänge schön zu finden - diesem Paradox kann sich auch Brüns Musik nicht entziehen.)

Es erstaunt, dass Brüns Werk in Europa nicht einmal dem Fachpublikum für neue Musik vertraut ist. Ist es seine radikale Persönlichkeit, die vielen Menschen Angst einjagt? Oder gilt seine Musik in einer Zeit, wo edle Resignation und filigrane Altklugheit (I told you so!) auch bei Intellektuellen zu einer Tugend geworden sind, als deplatziert? Herbert Brün jedenfalls war nicht unzufrieden mit seiner Karriere. Er sei nie gezwungen gewesen, Kompromisse einzugehen. „I never had a cup of coffee with a bastard.“

Tomas Bächli

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